Pierre Loeb im Interview mit Tachles zu 20 Jahren NIF CH
Seit 20 Jahren versucht der New Israel Fund Schweiz die Unterstützung Israels an der Einhaltung von Menschenrechten zu orientieren. Ein Blick auf die Organisation und ihre Projekte mit dem amtierenden Präsidenten: Pierre Loeb.
TACHLES: Der New Israel Fund Schweiz (NIF) feiert im März seinen 20. Geburtstag. Worauf blicken Sie zurück?
PIERRE LOEB: Am Anfang war der NIF für mich einfach eine Wohltätigkeitsorganisation, die sich für Israel einsetzt, und das hat mir gefallen. Die Politisierung erfolgte erst in den letzten fünf Jahren, als klar wurde, dass die Stärkung eines demokratischen und egalitären Israels wichtig wurde. Durch sie wurden wir auf ungewollte Weise bekannter und wir haben uns darum bemüht, diesen Umstand zu nutzen. Der NIF entwickelt im Gegensatz zu anderen NGOs nicht eigene Projekte, sondern wählt bestehende aus und unterstützt sie. Wir haben starke Evaluationsverfahren, und die ausgewählten Projekte werden danach eng begleitet und es wird dafür gesorgt, dass sie effizient arbeiten und schnell auch selbst Geld beschaffen können, um vom NIF unabhängig zu werden. Das ist die Hauptaufgabe. Wir unterstützen eine Vielzahl von Themen, diese gehen von Ökologie über Integration von äthiopischen Einwanderern bis hin zu der Gleichberechtigung von Frauen.
TACHLES: Die Parameter Grund- und Verfassungsrechte lassen den NIF für viele in der linken Ecke stehen. Wo würden Sie ihn positionieren?
PIERRE LOEB: Wir sind keine (partei-)politische Organisation, sondern stützen uns auf die Unabhängigkeitserklärung ab, wonach Israel ein Land für alle seine Bewohnerinnen und Bewohner sein soll. Dazu gehören auch die in Israel lebenden Minderheiten. Wir sind in die linke Ecke gestellt worden, weil wir diese Minderheiten, namentlich auch die in Israel lebende arabische Bevölkerung nicht vergessen. In meinem Verständnis ist es aber sehr jüdisch, auch für die Rechte der anderen und von Minderheiten zu schauen, und schliesslich ist es ein Selbstverständnis für einen demokratischen Staat, dass alle Bürgerinnen und Bürger gleich behandelt werden.
TACHLES: Der NIF wird mittlerweile in Israel offiziell anerkannt und kann seine politischen Anliegen auch einbringen.
PIERRE LOEB: Absolut, ja. Wir betreiben beispielsweise Lobby-Arbeit bei allen Regierungsparteien, wenn ein Gesetz besprochen wird, das nach unserem Empfinden den demokratischen Grundrechten zuwiderläuft. So ist es nicht zuletzt dank dem NIF bereits gelungen, antidemokratische Gesetze zu Fall zu bringen.
TACHLES: Früher ging es beim NIF mehr um die Stärkung der Zivilgesellschaft. Unterdessen muss er sich um die Sicherung der demokratischen Strukturen in Israel kümmern. Ein Rückschritt?
PIERRE LOEB: Die Demokratie Israels sehen wir in der Tat gefährdet, es hat natürlich auch mit der jetzigen Regierung zu tun, in der die Rechts- und religiösen Gruppierungen eine viel grössere Rolle spielen als zuvor.
TACHLES: Die israelische Gesellschaft hat sich aber auch verändert, beispielsweise durch die 1,5 Millionen Russen, die eingewandert sind.
PIERRE LOEB Richtig. Eine kürzliche Umfrage hat ergeben, dass 44 Prozent der Israeli den NIF kennen und 32 Prozent ihn gutheissen. Aber das Demokratieverständnis ist nicht das Gleiche wie in der Schweiz, beispielsweise entstammt ein Grossteil der in Israel lebenden Russen nicht einer demokratischen Tradition.
TACHLES: Häufig wird dem NIF vorgeworfen, sich in innerisraelische Diskussionen einzumischen.
PIERRE LOEB: Wir sind ja keine Aussenstehenden. Wir in der Schweiz unterstützen eine Bewegung, die aus in Israel lebenden Israeli besteht. Übrigens die religiöse und spezifisch die orthodoxe Seite in Israel hat viel grössere Geldzuströme aus dem Ausland. Dagegen sind wir ein kleiner Fisch. Persönlich geht es mir darum, dass Israel in einer Form der Demokratie existiert, hinter der man stehen kann. Dafür setzen wir uns ein.
TACHLES: Hat sich Israel nicht mittlerweile vom früheren Bild, das man von dem Land hatte, weg entwickelt? Und ist es nicht legitim, wenn die Israeli nicht mehr
dem westlichen Bild von Demokratie entsprechen wollen?
PIERRE LOEB: Ich denke, dass da ein Prozess abläuft. Die Protestbewegung ist wohl Ausdruck davon. Es gibt erwiesenermassen eine Bewegung von Leuten, die an den heutigen Zuständen etwas ändern wollen. Sie sind aber noch nicht organisiert. Ob und wie dies weitergeht? Ich habe keine Ahnung. Aber nach meinem Gefühl habe ich als Jude das Recht und auch die Pflicht, mich für das, was ich als jüdisch betrachte, das heisst für ein demokratisches Israel, welches sich für Menschenrechte einsetzt, zu engagieren.
TACHLES: Vor 20 Jahren wäre dies noch als selbstverständlich betrachtet worden.
PIERRE LOEB: Ja, und zu jener Zeit wurde noch die ganze aschkenasische Elite und ihr Denken von linken Kibbuzniks getragen, die den Mainstream ausmachten. Die Einwanderung erst der arabischen und dann der russischen Juden führte zu Veränderungen.
TACHLES: Die grossen Debatten der letzten Jahre stellten für den NIF eine schwierige Phase dar. Ihnen wurde im Zuge der Goldstone-Debatte unter anderem vorgeworfen, Sie paktieren mit Organisationen, die Israels Existenzrecht torpedieren. Wie haben Sie sie erlebt?
PIERRE LOEB: Die Heftigkeit und auch Gemeinheit der ersten Zeit schockierten uns, darauf waren wir nicht vorbereitet. Unsere Computer wurden gehackt, unsere Leute physisch bedroht, wir wurden der Verschwörung bezichtigt und in aller Welt schlechtgemacht. Ich glaube aber, dass wir schnell und viel daraus gelernt haben. Schlussendlich sind wir dadurch viel bekannter geworden und das, was wir wirklich vertreten, wurde besser verständlich gemacht. Wir haben ja auch von vielen wichtigen Leuten Unterstützung erhalten, die sahen, dass unsere Liebe zu Israel ernst gemeint ist.
TACHLES: Wie grenzen Sie sich von den anderen Organisationen ab, die in der Schweiz für Israel Geld sammeln?
PIERRE LOEB: Aufgrund unserer strengen Evaluationsverfahren hat der NIF auch von Stiftungen viel Geld erhalten, die nicht selbst die richtigen Organisationen aussuchen wollen. Dies trifft auch für die Schweiz zu. Im Verhältnis pro Kopf geht das, was wir hier erreichen, weit über Länder wie Amerika und Kanada hinaus. Bemerkenswert ist auch, dass das Spendenaufkommen des NIF in Israel selbst 40 Prozent Zuwachs erlebte und das Vierfache des Schweizer Ergebnisses ausmacht.
TACHLES: Über welches Volumen sprechen wir?
PIERRE LOEB: Von 2008 bis 2011 war das Budget für den NIF international mehr als 30 Millionen Dollar pro Jahr.
TACHLES: Sie arbeiten auch mit bekannten Namen, die Patronate übernehmen. Wer gehört dazu?
PIERRE LOEB: In Israel sind es Leute, die Oslo initiiert haben, aber auch Künstler, Schriftsteller wie Amos Oz oder Professoren wie Aaron Ciechanover, Nobelpreisträger für Chemie, und Hanoch Gutfreund, früherer Präsident der Hebräischen Universität, sowie viele Intellektuelle. In der Schweiz könnte ich unsere Patronatskomitee-Mitglieder, unter anderem alt Bundesrätin Ruth Dreyfuss, die Professoren Jacques Picard und Laurent Goetschel, die Publizistin Esther Girsberger, die Bundesrichterin Vera Rottenberg, und neu Nationalrat Daniel Jositsch nennen.
TACHLES: Wo setzt der NIF Schweiz die Schwerpunkte für die nächsten Jahre?
PIERRE LOEB: Zum einen möchten wir gerne eine wichtige Alternative zu den traditionelleren Organisationen wie Keren Hayessod, Wizo und anderen sein. Als NGO unterstützen wir Nichtregierungsorganisationen und Kräfte, zu welchen wir uns inhaltlich bekennen. Wir zählen es zu unseren Aufgaben, das Demokratische, die offene freie Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Zum anderen möchten wir auch vermehrt junge Leute gewinnen, eine Plattform für sie sein, damit sie sich mit ‹ihrem› Israel identifizieren und auseinandersetzen können. Uns geht es also nicht nur darum, Projekte in Israel zu unterstützen, sondern auch die Diskussion hier in der Schweiz zu führen.
TACHLES: Wie sind die Positionen punkto Sicherheitspolitik respektive Iran- und Palästinenserkonfliktdebatten?
PIERRE LOEB: Der NIF ist in erster Linie eine soziale Organisation, keine politische, aber diese Fragen beschäftigen uns natürlich trotzdem. Wir sind überzeugt, dass Israel nur dann für die Zukunft gewappnet ist, wenn es ein Land für alle Bürgerinnen und Bürger bleibt. Die Sicherheit ist eine zentrale Frage, weshalb der NIF nie auch nur daran gedacht hat, etwa den Sicherheitszaun abreissen zu wollen. Es geht dem NIF beim Sicherheitszaun aber um die Frage des Verlaufs oder bei der Sicherheitspolitik darum, wie man Krieg führt, wenn man ihn schon führen muss.
TACHLES: Das scheinen vernünftige Vorstellungen zu sein. Weshalb denn die Opposition in Israel?
PIERRE LOEB: Die politische Meinungsverschiedenheit darf es ja geben, der NIF ist aber der Meinung, dass der Dialog mit allen israelischen Gruppierungen wichtig ist. Unserseits suchen wir die Annäherung zu den Charedim, von denen wir feststellen, dass sie keine differenzierte Vorstellung über Minderheiten, beispielsweise die in Israel lebende arabische Minderheit, und ein mögliches Zusammenleben haben. Diese Kontakte sind sehr spannend und auch durch die Frauenbewegung möglich. Frauenrechte sind übrigens ebenso ein Thema, gerade bei den Charedim.
TACHLES: Was ist Ihnen für die Zukunft an Inhaltlichem für die Schweiz wichtig?
PIERRE LOEB: Die Leute für die Demokratie respektive die für sie bestehenden Schwierigkeiten zu sensibilisieren. Und jene, die sich von Israel abgewendet haben – etwa die Jugend – anzusprechen. Das Sammeln von Spenden ist wichtig, aber uns liegt genauso viel am Diskurs, der in der Schweiz geführt wird. Hierzulande werden Juden oft in einer reaktionären, sich verteidigenden Rolle bezüglich Israels wahrgenommen. Wir stossen in dieser Hinsicht auf viele Interessierte, die ein anderes Israel unterstützen wollen
Interview Yves Kugelmann
Tachles 16. März. 2012 12 Jahrgang, Ausgabe 11
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Sprechnotizen von Botschafter Jean-Daniel Ruch
20 Jahre New Israel Fund (NIF) Schweiz
Eröffnungs-Anlass, 15. März 2012, Kongresshaus Zürich, 19 Uhr
Sonderbeauftragter für den Mittleren Osten, Abteilung Menschliche Sicherheit, EDA
Sehr geehrte Damen und Herren,
- Es ist mir eine Ehre, hier zu sein und das Wort an Sie richten zu dürfen.
- Ich gratuliere dem NIF Schweiz zu seinem 20-jährigem Bestehen!
- Die „Vision Israel“ ist faszinierend: Kaum eine andere Gesellschaft ist derart heterogen. Sie vereint
o Säkulare und Religiöse,
o Menschen aus Osteuropa, Westeuropa, dem Mittleren Osten und Afrika, auch aus den USA.
o Leute, die schon immer da wohnten, und Neuzuzüger.
o Reiche und Arme,
o ein weites politisches Spektrum.
- Diese vielen Facetten sind ein Reichtum für das Land. Und sie bergen natürlich auch viel Konflikt-Stoff.
- Der NIF nimmt sich dieser Herausforderung an: Er betrachtet Konflikte als Chancen für positive Veränderung. Er fördert den friedlichen Umgang mit Konflikten und unterstützt marginalisierte Bevölkerungs-Gruppen. „Empowerment“ ist gross geschrieben.
Shatil-Unterstützung:
- Das EDA unterstützt Shatil, die „Initiative für sozialen Wandel“ des NIF, seit Jahren. Dabei stehen zur Zeit 2 Projekte im Zentrum:
o ein palästinensisch-jüdischer Dialog in Israel sowie
o die Arbeit mit der Russisch-sprachigen Bevölkerung Israels.
Zum palästinensisch-jüdischen Dialog:
- Ein Feld, das wieder und wieder Aufmerksamkeit erfordert, ist die Beziehung zwischen palästinensisch-arabischen Bürgern Israels und jüdischen Israelis. Shatil geht dies an, indem es jüdische und palästinensische Führungspersönlichkeiten aus verschiedensten Bereichen zusammenruft. Sie erörtern, wie eine gemeinsame Zukunft in Israel aussehen kann – oder, besser gesagt: wie sie hoffentlich aussehen wird!
- Die Dialog-Gruppe hat zum Zweck:
o die zugrunde liegenden Annahmen beider Seiten zu benennen, um Missverständnisse, Argwohn und Angst abzubauen;
o die existierenden Klüfte zwischen den beiden Seiten zu erkennen und zu verstehen, um sie verkleinern zu können; und
o Wege zu erkunden, wie sie gewaltfrei mit Konflikten umgehen können und wie sie gleichberechtigte Beziehungen zwischen Mehrheit und Minderheit fördern können.
- Inzwischen ist die Dialog-Gruppe so weit, dass sie:
o nationale und zivile Elemente in ihrem Diskurs vereint, um aus der Sackgasse zu kommen, in die die Diskussion „jüdischer Staat vs. Staat all seiner Bürger“ geführt hat.
o Die Gruppe wird dieses Jahr mit ihren Erkenntnissen an die Öffentlichkeit treten.
Zur Arbeit mit der Russisch-sprachigen Bevölkerung:
- Zur Beziehung zwischen palästinensischen und jüdischen Israelis gibt es etliche Initiativen. Ein neues Feld hingegen ist der Fokus auf Israelis aus der früheren Sowjetunion, insbesondere auf die Russisch-sprachige Bevölkerungs-Gruppe.
- Shatil hat erkannt, dass die Mehrheit dieser Gruppe in Israel einem eher bis sehr radikalen Diskurs nachgeht: Fremdenfeindlichkeit ist an der Tagesordnung. Eine Ursache und Folge davon ist, dass die Russisch-sprachigen Medien in Israel durchwegs eine Haltung einnehmen, die kaum Raum für Toleranz und Koexistenz zulässt.
- Laut Shatil haben 60% dieser Gruppe bei den Wahlen 2009 die ultranationalistische Partei „Yisrael Beytenu“ gewählt. Sie lehnen eine Verhandlungslösung mit den Palästinensern ab. Sie sind dagegen, den palästinensisch-arabischen Bürgern Israels ihre vollen Menschen- und Bürgerrechte zu gewähren.
- Diese Wahl ist demokratisch legitim. Shatil sieht darin jedoch ein alarmierendes Signal, das grundlegende Werte wie Toleranz und Menschenrechte in Frage stellt.
- Die Russisch-sprachige Bevölkerung Israels ist eine Gruppierung, die traditionell in Friedensbemühungen und Friedensbewegungen vernachlässigt worden ist.
- Shatil hat sich zum Ziel gesetzt, die Ängste dieser Bevölkerungs-Gruppe anzugehen und alternative Paradigmen voranzubringen.
- Dazu hat Shatil den Ursachen für die ultranationalistische Gesinnung nachgespürt und den Einfluss der Russisch-sprachigen Medien studiert.
- Shatil hat daraufhin ein Medien-Seminar für Journalisten angeboten, um eine Sprache der Toleranz zu fördern. Inzwischen ist ein drei-sprachiges Medien-Kommunikations-Zentrum geplant – auf Hebräisch, Arabisch und Russisch: Minderheiten werden dort Neuigkeiten austauschen und gemeinsame Projekte erarbeiten.
- Auch weitere Initiativen hat Shatil veranlasst, um die Russisch-sprachige Gemeinde zu einem inklusiveren Diskurs zu bringen, der Demokratie, Gleichheit und Frieden vertritt.
- Ein weiteres Anliegen von Shatil ist, sein Netzwerk in der Russisch-sprachigen Bevölkerung zu erweitern. Zudem fördert es die Integration Russisch-sprachiger Personen in die israelischen Bewegungen für soziale Gerechtigkeit.
- Shatil ermuntert Russisch-Sprachige, sich mit anderen Minderheiten in Israel zu vernetzen. Dazu startet es dieses Jahr ein Pilot-Programm an der Hebrew University, das sich an Studenten richtet, die nicht Hebräisch als Muttersprache haben. Sie werden zu sozialem Engagement ermuntert und dazu, gemeinsame Ziele anzupeilen.
Schlussworte:
Meine Damen und Herren,
- Sie sehen: Shatil widmet sich einem inklusiven Dialog zwischen allen Bevölkerungs-Gruppen Israels. Dialog und Inklusivität sind auch für die Arbeit von mir und der Abteilung Menschliche Sicherheit im EDA zentral.
- Wir sind überzeugt, dass gegenseitiges Verständnis unabdingbar ist für eine friedliche Zukunft. Projekte, die nur jene ansprechen, die sowieso schon immer lautstark für Frieden waren, bringen keinen Mehrwert. Vielmehr müssen Bevölkerungs-Gruppen angesprochen werden, die traditionell abseits standen von Friedens-Bemühungen.
- Wir freuen uns, in Shatil und im New Israel Fund Partner zu haben, die diese Ansicht mit uns teilen und sie tatkräftig umsetzen. Ich wünsche dem NIF für die nächsten 20 Jahre viel Hartnäckigkeit und viel Erfolg damit!
20 Jahre NIF Schweiz – Pioniere ihrer Zeit, in Tachles 2. März 2012
Der New Israel Fund setzt sich für Gleichheit und Demokratie für alle Israeli ein. Ein Blick auf die Gründungsgeschichte der Organisation und auf deren Weg in die Schweiz.
Die Gründungsgeschichte des New Israel Fund (NIF) hört sich an wie ein PR-Gag: 1979 kamen zwei Mitglieder der Levi- Strauss-Familie von einem halbjährigen Aufenthalt in Israel in die USA zurück. Die beiden Rückkehrer waren begeistert von ihren Erfahrungen in Israel. Gleichzeitig hatten sie festgestellt, dass Israel – vor allem aufgrund der Sicherheitsprobleme – einige soziale Probleme vernachlässigt hatte, allen voran Menschenrechte, aber auch Frauenrechte, Spannungen zwischen orthodoxen und säkularen Israeli, die wirtschaftliche und soziale Benachteiligung von Minderheiten und ganz allgemein die wachsenden sozialen Unterschiede in der Bevölkerung. So kam ihnen die Idee, in den USA einen Fonds zu gründen, der Nichtregierungsorganisationen (NGO) und Selbsthilfeorganisationen unterstützen sollte, die sich auf diese Probleme spezialisierten. An der Jahres-Aktionärsversammlung von Levi’s erzählten die beiden von ihren Erfahrungen und baten jeden Aktionär, 1000 Dollar zur Gründung dieses neuen Fonds beizusteuern. Levi’s ist eine reine Familien-AG und hatte damals 80 Aktionäre. Alle machten mit. So startete der NIF 1979 mit 80 000 Dollar Startkapital.
Seither hat sich der NIF enorm entwickelt. Sein Jahresbudget beträgt heute über 30 Millionen Dollar. Damit ist der NIF aus der NGO-Szene Israels nicht mehr wegzudenken. Er hat wichtige Impulse gegeben, die sich auch auf die Arbeit anderer Hilfsorganisationen und Fonds auswirken.
Hilfe zur Selbsthilfe
Beim NIF merkte man bald, dass mit Geld allein nicht alles gemacht werden konnte. Es ging bei der Hilfe zur Selbsthilfe auch um die Vermittlung von Know-how an die Interessenvertreter der benachteiligten Menschen. Deshalb wurde nach drei Jahren Shatil gegründet, was Setzling bedeutet. Shatil hilft Organisationen der Zivilgesellschaft effizienter zu werden, sei es organisatorisch, beim Einsatz von Freiwilligen oder im Fundraising. So ist es nicht ungewöhnlich, dass Shatil NGOs beibringt, wie sie am bestem vom NIF einen ersten Unterstützungsbeitrag beantragen, dann aber möglichst schnell unabhängig werden können.
Dies bringt uns zum komplexen, aber sehr effizienten Prozess der Gewährung von Geldmitteln. Ein auf ein Thema (zum Beispiel Menschenrechte, Umwelt) spezialisierter Mitarbeiter schaut den «grant proposal», den Antrag, sehr genau an und schreibt eine Beurteilung. Diese wird von anderen Mitarbeitern geprüft und besprochen. Wenn der Antrag diese Hürden geschafft hat, kommt er mit einer qualitativen und quantitativen Empfehlung vor das «grants committee». Dieses entscheidet dann über Annahme des Antrags und die Höhe des Beitrags. Neue Empfänger werden von Mitarbeitern des NIF über die gesamte Zeit beobachtet und betreut.
Die hohe Professionalität der Gewährung von Beiträgen und der Überwachung durch den NIF hat dazu geführt, dass grosse Stiftungen, die in Israel seit Jahren tätig sind, – so beispielsweise die Ford-, Cummings-, Bronfman- und andere Stiftungen – in den letzten Jahren dem NIF das Management ihrer Spendengelder (mehrere Millionen US-Dollar) übergeben haben.
Wie kam der NIF in die Schweiz?
1988 hörte der Schreibende erstmals vom New Israel Fund und besuchte in Israel die Büros von NIF und Shatil sowie etwa zehn NGOs, die vom NIF unterstützt wurden. Die folgenden Einblicke und Begegnungen spornten ihn an, den NIF in die Schweiz zu bringen.
Beeindruckend waren die Begegnungen mit den Gründern der Vereinigung für Bürgerrechte in Israel (ACRI). ACRI wurde von ehemaligen Richtern des obersten Gerichts gegründet und unterstützt Bürger und Gruppierungen, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzen, ungeachtet ihrer politischen Richtung. Obwohl ACRI auch direkt vor allem in den USA Spenden beschafft, ist es immer noch der grösste Empfänger von Geldern des NIF.
Auch das Israel Womens Network – von Alice Shalvi, einer modernen orthodoxen Erzieherin, gegründet – war damals ein wichtiger Partner des NIF, denn es war, trotz einer amtierenden Ministerpräsidentin, in Israel um Frauenrechte noch schlecht bestellt. Der NIF war auch daran, den Aufbau eines Netzwerks von Frauenhäusern (für Frauen mit Gewalterfahrungen in der Ehe) zu unterstützen.
Im religiösen Bereich entstanden neue nicht orthodoxe, das heisst konservative und liberale Gemeinden, zunächst mit vorwiegend angelsächsischen Mitgliedern, zunehmend aber auch mit Sabres, die ihren Kindern eine alternative jüdische Erziehung bieten wollten.
Für die arabische Bevölkerung wurde im nordwestlichen Galil das erste Seminar für Kleinkindererziehung gegründet. Unter den arabischen Israeli keimte wieder Hoffnung, weil sich Mainstream-Israeli um ihre berechtigten Anliegen kümmerten.
Einsatz für Ideale
Beeindruckend war vor allem die engagierte Atmosphäre und die Aufbruchstimmung beim NIF, bei Shatil und bei den von ihnen unterstützten NGOs. Die Menschen, die dort arbeiteten, waren die neuen Pioniere («chaluzim») ihrer Zeit. Sie waren von ihren Zielen begeistert und setzten sich, ohne auf die Uhr zu sehen, für ihre Ideale ein. Das erinnerte an das Israel und die Kibbuzim vor dem Sechstagekrieg. Es gab nun wieder etwas, auf das man Kritiker des jüdischen Staates mit Stolz hinweisen konnte. Diese Botschaft wollte der Schreibende denjenigen von seinen Freunden und Bekannten in der Schweiz weitergeben, deren Verhältnis zu Israel in den Jahren zuvor einen Bruch erlitten hatte. So wurde der NIF Schweiz gegründet, der dieses Jahr sein 20. Jubiläum feiert. Rückblickend kann man sagen, dass ihm dies geglückt ist.
Es ist sehr befriedigend, dass der NIF Schweiz auch dank einigen grossen Spendern und Stiftungen pro Kopf der jüdischen Bevölkerung im Vergleich zu den USA ein Vielfaches an Geldern nach Israel überweisen kann. Doch geht es uns vom NIF Schweiz neben der Beschaffung von Spendengeldern ebenso um die Botschaft, dass es im heutigen Israel etliche Organisationen gibt, die sich – oft unter widrigen Umständen wie Verleumdungen und Anfeindungen – mutig für Frieden, Menschenrechte, politische und soziale Gerechtigkeit und eine intakte Umwelt einsetzen.
Roger Dreyfus, Basel
New Israel Fund Schweiz Veranstaltungen
Donnerstag, 6. September, 19.30 Uhr, Basel: Grosse Abendveranstaltung des NIF Schweiz, an welcher Publizist und Politiker Daniel Cohn-Bendit zur laufenden Entwicklung in Israel aus europäischer Sicht spricht.
Samstag, 17. November, Zürich: Veranstaltung mit dem bekannten israelischen Schriftsteller Abraham B. Jehoschua.
www.nif.ch, www.nif.org.il, www.nif.org
Publiziert im Tachles vom 2. März 2012

